Das Leben mit einem Zweijährigen gleicht oft einem Minenfeld. Kleinste Anlässe sorgen für rasende Wut. Die meisten Eltern erkennen ihre Kinder nicht wieder und fragen sich, ob ihre Erziehung fehlgeschlagen sei.
Dabei ist die Trotzphase ein Meilenstein in der psychologischen Entwicklung. Während dieser Monate reifen beim Kind der eigene Wille und das Bewusstsein vom eigenen „ICH“. Es passieren also ganz wesentliche Dinge.
Soll aus dem kleinen Kind ein an Leib und Seele gesunder Mensch heranwachsen, bedarf es mehr als gesättigt, gekleidet und gewaschen zu werden. Mit der einschneidenden Erkenntnis jemand ganz eigenes zu sein, wächst der Wunsch nach Autonomie. Das führt zu Konflikten, bringt die Gefühlswelt durcheinander.
Ein Wutanfall verläuft in mehreren Phasen
- Das Kind weiß was es will, doch Mutter/Vater ist anderer Meinung. Gewitterwolken ziehen auf, weil der kindliche Plan auf Widerstand stößt. Elterliche Diskussionsversuche scheitern.
- Völlige Irritation beim Kleinkind. Einen Plan für sein Vorhaben existiert nicht, das Ziel rückt in weite Ferne. Es fühlt sich hilflos und handlungsunfähig. Dabei kann es doch schon seine Schuhe anziehen, Türen öffnen usw.
- Blitz und Donner. Seine innere Notlage eskaliert in Trotz und Wut. Eingehüllt in Rage kommt keiner mehr an das Kind heran. Inmitten des Zustandes helfen weder gutes Zureden, Schimpfen oder liebevolle Gesten.
- Typische Wutanfälle fordern vom Kind vollen Körpereinsatz. Sobald die Wut verraucht ist, sucht der Sprössling die verlässliche Nähe und Zuwendung der Eltern.
Solche Szenen sind anstrengend, belastend und schmerzhaft. Eltern möchten gerne helfen, können es meistens nicht. Da muss der Nachwuchs alleine durch. In derartige Situationen lernt er sich und seine Gefühle kennen. Neben Freude gibt es Frust, auf Streit folgt Frieden. Damit begreift das Kind, dass Konflikte zum (Familien)Alltag dazugehören. Das Zusammenleben mit anderen Menschen erfordert Kompromisse.
Experten raten entnervten Eltern, das negative Gefühl der Wut positiv zu sehen. Warum?
- Wut fördert den eigenen Willen. Kinder sollen sich behaupten,Entscheidungen treffen und die Konsequenzen in Betracht ziehen.
- Wut ist eine Belastungsprobe. Äußerlich und innerlich steht das Kind unter Hochspannung. Tränen und Gebrüll sind ein Ventil, um diese Spannungen auszuhalten. Gebräuchliche Tröster wie Schokolade oder Spielzeug lenken nur ab, begünstigen Verdrängungsmechanismen.
- Wut vermittelt: So wie ich bin, hat mich meine Familie lieb.
- Wut schult soziale Kompetenz. Inmitten von Unmut und Rage lernen sich Kinder und Eltern wirklich kennen.
- Wut und Sprache. Sobald das kleine Kind sich hinreichend ausdrücken kann, fallen Trotzanfälle gemäßigter aus. Stehen ihm nicht so viele Wörter zur Verfügung, bleibt nur eine extreme Reaktion. Generell gilt: Je mehr Mädchen und Jungen sprechen, umso differenzierter ihre Gefühls- und Gedankenwelt.
- Wut durch Hormonchaos. Im dritten Lebensjahr sorgt veränderter Stoffwechsel für Stimmungsschwankungen. Kinder ermüden schneller, lassen in der Konzentration nach und sind launenhaft. Eben noch frech wie Oskar, will das Kind kuscheln und sucht Nähe.
- Kinderpsychologen bezeichnen die Trotzphase als „kleine Pubertät“. Sie ist ein Vorgeschmack auf den Abnabelungsprozess im Teenageralter. Dann werden sich geistesgegenwärtige Eltern verklärt an ihre Kleinkinder erinnern, schmunzelnd Begebenheiten erzählen und versuchen einen „echten“ Kaktus zu umarmen.
08.10.2009, 13:53 von
Redaktion |
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