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Das behinderte Kind: Wenn Blicke nerven

Früher ist es mir nie aufgefallen, jetzt jedoch schon: Behinderte Kinder scheinen noch immer häufig isoliert zu werden bzw. in der Geborgenheit ihrer Kernfamilie aufzuwachsen, um sie und vielleicht auch sich selbst als Eltern oder Geschwister vor den vielen Blicken zu schützen.  

Seitdem ich für meine geistig und körperlich schwerstbehinderte Nichte verantwortlich bin, kann ich das verstehen. Auch wenn mich diese Blicke niemals so weit bringen werden, dass ich die Kleine nicht mehr durch die Stadt schiebe, mit ihr Modeschauen im Kaufhaus veranstalte, Eis essen oder auch ins schicke Restaurant gehe. Ebenso wenig wie darauf zu verzichten, das Schwimmen im zugegeben – modisch fragwürdigen – Inkontinenzbadeanzug und natürlich im öffentlichen Schwimmbad zu erproben, ihr die Tiere im Zoo zu zeigen, oder mit ihr die Kirmes zu besuchen, um in äußerst umständlichen Rangier-Manövern herausfinden, was ihr wirklich Spaß macht. Mittlerweile weiß ich, die sonst so begeisterte kleine Auto-Fahrerin hat im Autoscooter Angst, wohingegen sie vom Ketten-Karussel gar nicht genug bekommen kann. Sehr zu meinem Leidwesen, versteht sich.

Aber die Blicke nerven und hinterlassen nach jedem noch so schönen Tag einen bitteren Beigeschmack!  

Da sind die auf den Boden gerichteten Blicke derer, die nie gelernt haben, mit geistig oder körperlich behinderten Menschen umzugehen. Gerade noch sehen sie Dir in die Augen, dann auf die Kleine im Rollstuhl und schon wird der Blick – nein, nicht verlegen, sondern demonstrativ – gesenkt, um den gesamten Boden akribisch auf die eventuell zu entdeckenden Straßenmängel zu untersuchen.

Dann die Blicke, die demonstrativ wegsehen, weil der Anblick, der sich ihnen bietet, die eigenen Augen beleidigen könnte.  

Nicht zu vergessen die neugierigen Blicke, die so tun, als seien sie ins Gespräch vertieft, aber immer und immer wieder herüberschielen. Und weil man das ja auf keinen Fall mitbekommt, ist das Getuschel über das Kind im Rollstuhl dazwischen umso lauter.

Mittlerweile ebenso beliebt bei mir: Die gaffenden Blicke, denen man die gute Kinderstube, die sie genossen haben, sofort ansieht. Und die man auch dann noch im Rücken spürt, wenn man ihn oder sie schon längst passiert und hinter sich gelassen hat.

Und als absolute Krönung: Die boshaften Blicke, die vorwurfsvoll missbilligen, dass man sich nicht schämt, sich mit DIESEM Kind öffentlich auf der Straße zu zeigen.

DIESES Kind ist in der Tat eines: ein Kind. Ein kleines Mädchen, das ein Recht auf all das hat, was anderen Kindern auch zugestanden wird – und zwar ohne, dass jeder es anstarrt. Aber das scheint in vielen Köpfen noch nicht so richtig angekommen zu sein.

Da lobe ich mir meinen Familien- und Freundeskreis, für den die Kleine jetzt einfach dazugehört, der sie mit einplant, um sie herum arrangiert und jedes noch so unvorstellbare Vorhaben möglich macht, damit die Kleine sich erproben und unsere Welt auch in Teilen für sich entdecken kann. Denn in ihrer eigenen Welt lebt sie ohnehin – schön sind die Momente, in denen sie an unserer teilnimmt.  

Allein aus diesem Grund versuche ich – mit aller aufzubietenden Gelassenheit – die Blicke zu ignorieren. Und ich hoffe, dass das vielen betroffenen Eltern Mut macht, ihr geistig oder körperlich eingeschränktes Kind weitaus mehr erleben und an der Gesellschaft teilhaben zu lassen. Denn für jeden bösen Blick erlebt man auch fast einen unbezahlbar schönen Moment.  

Momente, die so schön sind, weil sie fast normal sind.

01.10.2009, 07:31 von Sonnenkind | 188 Aufrufe
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